Kooperation

Von der Veranstaltungsreihe zur Studie »Urbane Räume. Proteste. Weltpolitik.«

Katrin Bury
© ANCB: Erik-Jan Ouwerkerk

Neugier und Sympathie waren die treibenden Kräfte, als sich Vertreter/innen von SWP und AEDES im Frühjahr 2014 zum ersten Mal eher zufällig begegneten. Dass sich dabei schon bald zentrale gemeinsame Themen herauskristallisieren würden, damit hatten jedoch weder die Stadtplaner/innen und Designer/innen des Berliner Architekturforums noch die Politikberater/innen gerechnet. Und so lagen zwischen der Idee zu einer gemeinsamen Veranstaltung und dem ersten Grobkonzept dafür schließlich nur wenige Monate. Als mit der ZEIT-Stiftung ein weiterer kongenialer Partner gefunden war, der das Projekt auch finanziell unterstützen würde, stand dessen Realisierung nichts mehr im Wege.

Weltweit gab es in jüngerer Vergangenheit zahlreiche zivile Protestbewegungen, die sich öffentliche Plätze, Finanz- oder Regierungsbezirke oder zentrale Parkanlagen in Großstädten aneigneten – oft über Wochen, Monate oder gar Jahre. Die Bilder von Demonstrationen auf dem Tahrir in Kairo (2011), von Occupy Wallstreet in New York (2011), vom Taksim in Istanbul (2013) oder dem Majdan in Kiew (2013/14), von der Sonnenblumen-Bewegung in Taipeh (2014), der Regenschirm-Revolution in Hongkong (2014) oder der Zeltstadt auf dem Oranienplatz in Berlin (2014) veränderten den Charakter und damit auch unser Verständnis von politischem Widerstand und (inter-)nationalen Krisen nachhaltig.

Die Namen dieser Orte sind heute allesamt Symbole eines – überwiegend friedlichen – politischen Widerstands; eines Widerstands, der neue Formen politischer Artikulation und weitreichender digitaler Kommunikation hervorgerufen und beide fest in unserem Alltag verankert hat.

Wie verändern diese Bilder unsere Wahrnehmung des öffentlichen Raums? Wie beeinflussen sie den politischen Raum, wie die politischen Akteure – lokal, national, international? Führt die kreative Umgestaltung des öffentlichen Raums zu Verschiebungen auf den politischen Handlungs- und Entscheidungsebenen? Welche Auswirkungen hat die globale mediale Repräsentation von Protesten auf unsere Anforderungen an internationale Sicherheitspolitik?

Im Herbst 2015 luden SWP und das AEDES Metropolitan Laboratory zu zwei Diskussionsveranstaltungen mit anschließendem Workshop in die Räume des Architekturforums auf den Pfefferberg (Berlin) ein, um über diese und andere Fragen zu diskutieren und den Einfluss urbaner Proteste auf die (inter-) nationale Politik auszuleuchten. Da sich die Veranstaltungen an ein breites Publikum richteten und die Podien international besetzt waren, fanden sie auf Englisch statt. Arbeitssprache der Workshops hingegen war Deutsch.

Der Titel der ersten Veranstaltung am 8. Oktober 2015 lautete: »Taksim, Tahrir, Occupy & Co: Political Meaning of Urban Space«. Das Panel war gezielt mit Wissenschaftler/innen aus verschiedenen Disziplinen wie Architektur, Stadtplanung, Politikwissenschaft, Internationale Beziehungen etc. besetzt. Regina Bittner (Stiftung Bauhaus Dessau), Tali Hatuka (Tel Aviv University), Ali Madanipour (Newcastle University), Simon Teune (Institut für Protest- und Bewegungsforschung, Berlin), Jaap de Wilde (University of Groningen) und Nadine Godehardt (SWP) hatten es sich zum Ziel gesetzt, die politische Bedeutung urbaner Räume konzeptionell zu erfassen.

Im Mittelpunkt des anschließenden Workshops stand die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Proteste in urbanen Räumen, Auswirkungen auf nationale und internationale Politik sowie mediale Repräsentation von Protesten. Es ging insbesondere um die Fragen, was wir von Protesten wahrnehmen, was für uns die Oberfläche von Protesten charakterisiert und was wir mit den genannten Schlagworten in Verbindung bringen.

Die zweite Veranstaltung »Visuality and Urban Space« fand am 26. November 2015 statt. Peter Mörtenbeck (Goldsmiths College, London), Dan Garret (City University of Hong Kong) und David Shim (University of Groningen) diskutierten unter der Leitung von Andrea Despot (European Academy, Berlin) über die Formen politischer Artikulation, insbesondere mit Blick auf die Visualisierung urbaner Protesträume durch Fotos, Videoclips und künstlerische Darstellungen wie Protestlogos, Street Art etc. in den sozialen Medien.

Das Ziel des zweiten Workshops bestand darin, Bausteine für das abschließende SWP-Projekt zu definieren. Drei Arbeitsgruppen haben sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit dem Zusammenhang von Raum, Ereignis, Politik und Kommunikation auseinandergesetzt und die Zusammenhänge der Elemente des ersten Workshop (Protest/International, Protest/Lokal, Protest/Medial) noch einmal genauer erschlossen.

Die Veranstaltungsreihe bildete zusammen mit den Ergebnissen der Workshops das inhaltliche Fundament der vorliegenden Sammelstudie »Urbane Räume. Proteste. Weltpolitik«, der ersten SWP-Studie, die sich im Rahmen einer multimedialen Website präsentiert – und damit vielleicht ein neues Veröffentlichungsformat des Hauses begründen kann.

Die Autor/innen der Studie sowie die Veranstalter/innen der Serie »Taksim, Tahrir, Occupy & Co.« danken der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Hamburg, sowie dem Forum Ebenhausen e.V. (Freundeskreis der Stiftung Wissenschaft und Politik) für ihre freundliche Unterstützung.

Berlin, im Januar 2017